Freitag, 16. März 2012

Internationalisierung ist ein hartes Geschäft!

Den richtigen Zeitpunkt für den Aufbau eigener Strukturen in einem Schwellenland gibt es nicht! Treibende Kräfte sind oftmals Kunden, deren Supply Chains global aufgestellt sind, interessante Absatzmärkte oder Kostennachteile aufgrund hoher Importzölle. Auch die Reihenfolge von Lokalisierungsschritten ist selten gleich. Ob über ein Einkaufsbüro zur eigenen Fertigung oder vom Vertriebspartner über ein Joint Venture zum eigenen Montagestandort: Unserer Erfahrung nach spielt da auch oft Zufall mit.

Mit dem Schritt in den Aufbau eigener Wertschöpfung springt die eigenen Komplexität jedoch eigentlich immer sprunghaft an. In der Regel wird der Versuch unternommen, gelebte und erfolgreiche Prozesse 1:1 zu übertragen. Dieses wird jedoch – nicht nur wegen kultureller Unterschiede – zum Problem. 

Struktur und Steuerungsregeln des etablierten Lieferantenportfolios sind in der Regel Ergebnis eines jahrelangen Prozesses. Sie sind trotz aller theoretischen Gemeinsamkeiten nicht übertragbar auf neue Märkte mit unbekannten Strukturen. 

Die Anforderungen an die interne Kooperation werden extrem gedehnt. Es treffen Organisationen und Funktionen mit völlig unterschiedlichen Reifegraden, Kulturen und auch Zielen aufeinander. 

Transparenz bekommt eine neue Dimension: Dokumentation von Prozessen und Abläufen, Zeichnungen und Prüfvorschiften sowie Stammdaten müssen vollständig verfügbar sein, sind es aber in der Regel nicht. Nur eine etablierte Struktur kann das durch Erfahrung ausgleichen.

Ein Effekt ist zudem nicht zu unterschätzen. Der Reifegrad einer neuen Organisation in einem Schwellenland ist in der Regel nicht kompatibel zu dem Reifegrad ihrer eigenen Prozesse! Wie unsere Erfahrung zeigt, stellt daher nur eine einfache Vorgehensweise sicher, dass lokale Strukturen nicht überfordert werden. Nutzen Sie die lokale Expertise Ihrer neuen Wertschöpfungsstrukturen, eine erfolgreiche Kooperationen bedeutet in diesem Fall Lehren und Lernen. Und - für das Einführen Ihrer Standardprozesse bleibt nach erfolgter Organisationsentwicklung immer noch Zeit.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Risikomanagement im Einkauf

Philipp schreibt im letzten Pleyma Materialpreisrundbrief zum Thema Risikomanagement:
Risikomanagement in Supply Chains ist anstrengend und wenig sexy! Trotzdem werden es Unternehmen natürlich nicht vermeiden können, sich mit Risiken in ihren Supply Chains zu beschäftigen.
Ohne Zweifel ist Risikomanagement etwas, mit dem man abends an der Bar nicht gross raus kommt und ein Thema, mit dem auch auf der CEO-Agenda wenig zu holen ist. Angst ist in der Regel kein guter Verkäufer. Zu den vielen guten Gründen, trotzdem sinnvoll und mit Augenmass in Risikomanagement zu investieren wie von Philipp beschrieben, kommt nach Meinung von  ein wesentlicher weiterer hinzu:

Many businesses look at supply chain risk, but the focus tends to be limited to their immediate suppliers’ financial viability and ability to deal with local catastrophic events. This is missing an opportunity as effective risk management is based on already identified options for a wide range of potential problems, from logistics issues to commodity shortages and demand spikes to second-tier supplier problems.Taking a comprehensive view of inbound supply chain risk means taking a longer-term view, accepting that ‘bad’ things will happen, and making sure your business is in a better position than competitors when it does. Typical benefits include more robust supply chains, improved service levels, better product launches and reduced focus on non-value adding crisis resolution. It is well worth taking a few hours to take a few steps back and consider how well your inbound supply chain is equipped to deal with the unexpected.
 Ein Blick auf das Ganze, über kurzfristige Aktion hinaus ist eigentlich immer hilfreich. Beim Risikomanagement kann er also sogar zu Chancenmanagement werden. Das hört sich auch gleich viel besser an!

Freitag, 3. Februar 2012

BME Value Days IV

Die Veranstaltungsreihe des BME zum Thema Value Management hat sich mittlerweile als Treffpunkt für Berater und Toolanbieter zum Enterprise Costing etabliert. Nach Stationen bei Claas, Miele und BMW haben die Verantwortlichen dieses Jahr Puma in Herzogenaurach als prominenten Bereitsteller einer Veranstaltungslocation ausgewählt. Und damit die Teilnehmerzahl des letzten Jahres mal eben halbiert.
Das wird eher an den Inhalten der diesjährigen Veranstaltung und der hohen Relevanz des letztjährigen Veranstalters für seine Zulieferer gelegen haben. Das PUMA Brand Center jedenfalls war so modern, hip und designlastig wie sich moderne Markenkommunikateure heute eben solche Zentralen vorstellen. Und bis auf die Tatsache dass es nur beschwerlichen Zugang zum WLAN gab und die zwei (!) Kaffeevollautomaten für 300 Einkäufer zu der einen oder anderen Schlange führten, war die Organisation in Ordnung.
Inhaltlich jedoch herrschte überwiegend Langeweile. Aus den Unternehmen kaum etwas Neues. Die wenigsten verstehen Value Management als sinnvoll integrierten Ansatz zur Verbesserung von Wettbewerbsfähigkeit und konzentrieren sich entsprechend auf Veränderung und Organisationsentwicklung. Sehr viele Ansätze auch aus dem Plenum fokussieren auf die vage Hoffnung irgendein IT-Tool werde es schon richten. Wobei den meisten noch nicht einmal klar ist, was "es" überhaupt sein soll das da gerichtet werden muss.
Überhaupt die Tool-Anbieter: Trotz Sponsoring von gefühlt 120% aller Vorträge und testosteronüberladener Was-kostet-die-Welt-Attitude ihrer Verkäufer gab es kaum überzeugende Anwendungsszenarien zu sehen, der eine oder andere vorgestellte Kundenfall machte sich gut als Luftnummer.
Value Management ist gerade für den Einkauf eine große Chance, die eigene Funktion im Unternehmen inhaltlich und sozial aufzuwerten. Eine Positionierung als verlängerter Arm einer Berater- und Softwaresalesorganisation erscheint mir da wenig zielführend. Das gilt im Kern auch für die Value Days.

Dienstag, 31. Januar 2012

Standardsituationen der Technologiekritik

Ein sehr interessanter wenn auch schon älterer Beitrag zur Technologiekritik. Im Kontext mit Einkaufsorganisationen ist dabei aus meiner Sicht folgendes spannend: SRM-Tools, Online-Auktionen, Kataloge haben sich im Einkauf relativ schnell durchsetzen können. Alles Technologien, die die direkte Kommunikation mit Lieferanten eher reduzieren bzw. bei gleichem eigenen Reifergrad die "Machtposition" weiter zum Einkäufer verschieben. Technologien die zu einer intensiveren, vernetzteren, lösungsorientierteren Kommunikation vor allen Dingen innerhalb des Unternehmens genutzt werden könnten, werden derzeit noch mit Argument vier verdrängt. Wobei man schon relativ lange brauchte um einzugestehen, dass Argument drei nicht mehr haltbar ist.
Eurozine - Standardsituationen der Technologiekritik - Kathrin Passig Internetkolumne

Donnerstag, 26. Januar 2012

Procurement versus Purchasing

Interessant bzw. gilt das auch für den deutschsprachigen Raum? Ist Einkauf mehr als Beschaffung und brauchen wir einen neuen Begriff, eine functional rebranding exercise wie im Procurement Intelligence Unit Blog beschrieben?
Procurement
versus Purchasing
: Over the last decade there has been much debate about
what we should call our function.

Montag, 16. Januar 2012

eDingens

Heute flattert mir die Einladung für die "eLösungstage" ins elektronische Haus. Lieber BME - wenn es nicht verboten wäre und wir alle friedliebende Menschen wären gehörte jemand dafür geschlagen. Das Schlimmste daran ist ja, dass sich das Gehirn bei so etwas so querstellt, dass sich der Begriff auch noch ins Gedächtnis frisst. Und Schindluder treibt ("Die Kollegin fühlt sich nicht wohl, die hat ihre eLösungstage." etc.) Vielleicht muss ich ja auch nur den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Dann denke ich doch Mal ans Einkaufsschachbrett, das ist auch nicht viel schlimmer. Mehr fällt mir dazu nicht ein, es sind schon genug Wörter verschwendet.

Dienstag, 3. Januar 2012

Ende des 3-Präses-Jahres

Nach einem für die Handelskammer Hamburg turbulenten Jahr 2011 (dem ersten mit drei Präsides überhaupt) wurde die traditionelle Jahresschlussansprache des neuen Präses vor der "Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg e.V." natürlich mit Spannung erwartet. Vorab: Nach meinem persönlichen Eindruck gab es schon bessere Ansprachen als diese, das möge aber jeder für sich selbst beurteilen. Das Hamburger Abendblatt berichtete jedenfalls in der Silvesterausgabe ausführlich über das Event und kommentierte die Rede als zurückhaltend. Es wäre auf jeden Fall gut möglich, an der einen oder anderen Stelle kontrovers darüber zu diskutieren. Auf der einen Seite kritisiert man die Nichteinführung einer Finanztransaktionssteuer, auf der anderen Seite wird die Regelungswut gegeißelt(immer wieder gerne hervorgeholte Beispiele, die unter anderem auf Lobbyismus der Industrievertreter zurückzuführen sind (vgl. Welt Online v. 14.7.2008:
Ohnehin werden Gesetze von der Kommission lediglich vorgeschlagen. Die Details ausgehandelt und abgesegnet werden dann vom Ministerrat, also der Runde der nationalen Minister, und teilweise vom Europa-Parlament. Das galt auch für die Seilbahn-Richtlinie: Nach einigen schweren Seilbahn-Unglücken erschienen den Ministern EU-Sicherheitsstandards als sinnvoll. Dass die Umsetzung in deutsches Recht zum Schildbürgerstreich geriet, lag nicht an Brüssel, sondern der Überregulierung im föderalen Deutschland. Während in den meisten EU-Ländern ein einziges Seilbahn-Gesetz ausreichte, hat der Bund in Deutschland keine Kompetenz in dieser Frage. Deshalb musste jedes Bundesland ein Gesetz erlassen, selbst wenn es überflüssig war. Sogar wenn die EU-Kommission obsolete Regelungen wie die Gurkenkrümmungsvorschriften abschaffen wolle, werde es blockiert, kritisiert nun EU-Kommissionschef José Manuel Barroso jene Politiker, die Europa zu Hause bei den Wählern der Regelungswut bezichtigen. „Seit Jahr und Tag wird Europa lächerlich gemacht wegen seiner Vermarktungsstandards für Gurken“, klagte Barroso vor dem Europaparlament.
. "Was denn nun?" ist man geneigt zu fragen. Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass wird nicht gehen. Außerdem schicken wir seit Jahr und Tag abgehalfterte Politiker oder solche aus der zweiten Reihe nach Brüssel und Straßburg und wundern uns dann wenn es nicht vorangeht. Zum Vorgehen in Deutschland und in der Region sind offenbar nicht nur in der Regierung noch Hausaufgaben in Bezug auf Nachhaltigkeit zu machen. Wenn uns das Wohlergehen unserer Kinder so wichtig ist, dass wir ihnen sogar im Erwachsenenalter noch das Brille putzen abnehmen (so geschehen im Zuschauerkreis), dann ist es schwierig in Bezug auf den Hafen und die Elbvertiefung immer nur ein "Weiter so" zu rufen. Auch wenn es schwerfällt gehört zu norddeutscher Zusammenarbeit vielleicht auch die Einsicht, dass es bessere Standorte für Tiefwasserhäfen in Deuschland als Hamburg gibt. Auch im Zukunftsfeld der Bildung wird gerne mit dem Finger auf die Lehrer gezeigt, die bei all dem Hin und Her in den vergangenen Jahren mehr mit der Umsetzung immer neuer Ideen aus der Behörde zu tun hatten als ihre Energie in die Qualität des Unterrichts zu stecken. Dabei wird auch üblicherweise mit zweierlei Maß gemessen. Man schickt seine eigenen Kinder auf Gymnasien (die bitte strikt zu trennen sind von irgendwelchen Prekariatsschulen) oder Internate. Dann geißelt man die Tatsache, dass Kinder unter sich sind, die teilweise aus Haushalten kommen, in denen andere Maßstäbe für Erziehung gelten. Die Schule soll dann die Ergebnisse der Ghettobildung ausbügeln, die guten (eigenen) Schüler (die - wie Untersuchungen gezeigt haben - z.B. am Nachmittag gut den Schwächeren helfen könnten) sind davon ja nicht betroffen... Wer nachlesen will, wie es in der Ghettoschule zugeht, kann einen Eindruck davon im Blog von Frl. Krise bekommen. Schöne neue Welt also auch in 2012. Ich bin gespannt.